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Reparaturtalent
Das Dienstfahrrad von Asemba hatte einen Rahmenbruch. Kein Wunder bei der Qualität des Rades, dem Zustand der Straße und der Fahrweise downhill. Fachmännisch entschied Asemba sich gegen Schweißen und Wegschmeißen. Nach zwei Stunden hatte er die Stelle mit Hilfe eines eingelegten und verschraubten Metallbolzens zusammengebastelt.
Solche Lösungen sind für mich „typisch PNG“.

Kindergarten
In PNG heißt er noch so: Kindergarten, manchmal „Kindagaden“ geschrieben. Hier herrscht sonst der Aküfi. Mit einer Abkürzung lädt man in PNG gerne die Bedeutung und den Status einer Organisation, einer Institution, eines Thesenpapiers, einer Konferenz etc. sprachlich auf. Kindergarten aber blieb bisher Kindergarten, denn mit dem deutschen Wort wird Positives assoziiert: Gute alte Zeit, Entwicklung, Engagement für Padagogik etc. In Deutschland ist aus dem Kindergarten längst die „KiTa“ geworden. Ich habe diesen Sprachwandel vom Garten zur Stätte immer bedauert. Friedrich Fröbel, der den Begriff Kindergarten geprägt hat, darf sich freuen, denn in PNG wird er noch lange überleben. Und auch ich freue mich, dass die Kinder morgens in den Kindergarten gehen. Als Kindergarten dient unsere Community Hall, die sich in Hörweite zu den Unterrichtsräumen befindet. Ganz klassisch, im Sinne Fröbels, wird mit den Kindern gesungen und gespielt oder sie beschäftigen sich in Freiarbeit mit einem wundersamen Sammelsurium aus Bausteinen und allerhand Überbleibseln von Kindern aus Deutschland, die in Logaweng wohnten und in den Kindergarten gingen.

Bilder aus Lae
Jedesmal (ok, nach neuer Rechtschreibung „jedes Mal“. Aber sieht das nicht komisch aus und bedeutet es dasselbe?) wenn ich in Lae bin, vergesse ich, Fotos von der Stadt zu machen. Es widerstrebt mir, die hässlichen Seiten Papua Neuguineas zu dokumentieren. Schließlich mag ich die Menschen hier und möchte „uns“ von der guten Seite zeigen. Lae ist nicht gut. Lae ist eine hässliche Stadt, dreckig, gefährlich, die Straßen sind voller Schlaglöcher, jeden Tag gibt es Stromausfälle, in der Nacht hört man Hundegebell, Betrunkene stören die Nachtruhe. Aber hier wohnen sehr nette Leute, Freunde und Bekannte! Und deshalb freue ich mich auf einen Besuch in Lae. Nach Einkaufstour, Meeting, Bank, Post etc. darf man dort abhängen und auch ein wenig Dampf ablassen, wenn etwas nicht so geklappt hat, wie geplant. Wenn Meer und Wetter passen, ist die Rückfahrt nach Hause ins 90 km entfernte Logaweng pure Freude.
Unser Skipper hält noch Ausschau nach zahlenden Passagieren (100 Kina/28 €). Er findet nicht, daß das Boot schon voll ist. 
Zweitaktermischung für den 75-PS Yamahaaußenborder getankt haben wir schon. Nach einer kurzen Testfahrt wird die Ladung nochmals neu verteilt, um zu verhindern, dass bei voller Fahrt im tiefliegenden Heck Wasser hereinläuft. 
Viele Hochländer können nicht schwimmen! Wir haben eine Schwimmweste dabei (das orange Teil im Vordergrund). Dabeihaben ist alles.

Der dicke Anorak ist bei um die 30 Grad sinnvoll, denn der Fahrtwind kühlt den Mann, der hinten am Motor steht, schnell aus. Eric hält den Daumen hoch, denn er freut sich über einen guten Sitzplatz auf den Kanistern. „Highly Flammable“ steht darauf, was aber niemanden davon abhält zu rauchen und die Asche einfach fallen zu lassen.
Pause am Markt von Eac. Die Verkäuferinnen lassen sich gern auf einen Schwatz ein und verkaufen erstklassiges Essen: geräucherte Fische, gekochte Taro, Sagofladen, ein reichhaltiges Angebot. Merke: Plastiktüte nicht vergessen, z.B. für die beiden Fische gleich vorne auf dem Teller!

Ahoi!
Die Regenwand verspricht ein spiegelglattes Meer – solange wir vor ihr her fahren. Sie bewegt sich von Ost nach West. Das ist unsere Richtung, von Finschhafen nach Lae. Ohne nass oder, wie üblich, durchgeschüttelt zu werden, erreichen wir in unter drei Stunden die 90 km entfernte Stadt. Auf der Dinghy-Genuss-Skala: 10 von 10 Punkten.
Kaikai
Kaikai hat einen ganz besonderen Klang. Es wird mit Respekt, Ehrfurcht, andächtig und voller Vorfreude ausgesprochen. Kaikai bedeutet Essen oder besser übertragen „unser täglich Brot“. Das täglich Brot wächst im Garten: Bananen, Yams, Taro, insbesondere Kaukau/Süßkartoffeln. Juli/August/September ist REGENzeit. Da braucht es Gottvertrauen und ein gutes Händchen für den Garten, damit jeden Tag etwas zu essen auf den Teller kommt. Die Frauen der Gemeinde Buma haben sich einen halben Tag Zeit genommen, um in ihren Gärten zu ernten. Heute haben sie uns ihre Nahrungsspende gebracht. Zusätzlich wurde Geld gesammelt – Kina 120,50 – und bei mir als Schatzmeister abgeliefert. Die Arbeit des Senior-Flierl-Seminary´s wird von den umliegenden Dörfern geschätzt und wohlwollend unterstützt. Tatsächlich verstehen die Menschen in Finschhafen das SFS als ihres, durchaus im Sinne von: es gehört uns. Die Gaben sind Zeichen einer starken Verbundenheit. 
Elija aus dem fünften Jahrgang der Pfarrerausbildung trägt seinen Anteil nach Hause. Für das Treffen mit den Frauen zur Übergabe des Kaikai hat er sich chic gemacht und sogar seine Schuhe angezogen.

Asemba, unser Draiva/Fahrer, fährt die Damen wieder heim. 
Gerade hab ich ihnen vorgesungen: „Hab mein Wagen voll geladen…“. Bisschen tok fani/Spaß muss sein. Noch finden sie es lustig… Ich hab Glück und darf immer darauf hoffen, dass mir so leicht nichts übel genommen wird. Im Gegenteil „… voll mit alten Weibern“ war Anlass für viel Gelächter. So was singen ol waitman lg Jemani? Bekommen die da noch was zu essen von ihren Frauen?
Kaukau, gutpela kaikai! Die schwarzen Christbaumkugeln sind Avocado, die ich auf dem Weg durch Nachbars Garten (da wohnt leider kein waitman mehr) aufgesammelt habe.
Blaue Stunde
Bei schönem Wetter gehe ich am Abend zwischen halb sechs und halb sieben spazieren. Eigentlich wird geraten, dies nicht zu tun, denn zu dieser Zeit fliegen die meisten Mücken. Aber dies ist einer jener Ratschläge, die völlig am Leben vorbei gehen. Auch Gott ging nach Genesis 3 bekanntlich zu dieser Stunde, „als der Tag kühl geworden war“, umher. Hier auf dem Campus ist um diese angenehm kühle Tageszeit ebenfalls alles auf den Beinen und ruft sich gegenseitig Apinun (von afternoon) zu. Ein banales Allerweltswort, aber gemeint ist damit von vielen ein freundliches „Grüß Gott“ im ursprünglichen Sinn von „es grüße/segne dich Gott“.
Anfangs scheint noch die Sonne und ein grandioses Abendrot erwartet mich auf dem Weg übers Gelände. Die Dämmerung ist kurz. Die kleinen jagenden Fledermäuse wecken Erinnerungen an Urlaube auf dem Bauernhof. Auch die Vögel sind noch einmal besonders aktiv. Sagen sie sich Gute Nacht und suchen sich ihren Schlafplatz? Auf dem Rückweg ist es dunkel und es leuchten bereits die Sterne. Bei Stromausfall, wie jetzt meist für einige Stunden in der Nacht, ist das Erlebnis der Milschstraße über mir unbeschreiblich. Kein elektrisches Licht hellt die Dunkelheit auf. Ich lege mich dann auf den warmen Zement meines Wassertanks vor dem Haus und schaue. Da ist nichts als „der bestirnte Himmel über mir“ („und das moralische Gesetz in mir“, von dem Kant im gleichen Atemzug sprach, spielt in solchen Momenten keine Rolle).
Trotz der Welt, die es hier anzuschauen und zu bestaunen gibt, hat sich mir PNG bisher hauptsächlich über die Nase und die Ohren eingeprägt. Die Kinder nutzen das letze Licht und lärmen noch einmal über die Wiese. Daheim wartet der Topf über dem Feuer. Süßkartoffeln, Bananen, Reis mit Blattgemüse… zusammen mit dem Rauch vom Feuer ist das der Geruch von gutpela sindaun und sich daheim und vollauf zufrieden fühlen. Der Weg geht an einem Mangobaum vorbei. Die Früchte sind reif und duften… eigentlich nicht wie der Geschmack der Mangos. Eher wie nasser Grasschnitt, über den ein wenig Petroleum, wie es hier für Lampen verwendet wird, gegossen wurde. So muss eine gute Sorte riechen. Mit Einbruch der Dunkelheit übernehmen die Zikaden und Frösche das Sagen. Sie sind LAUT, aber sie stören nicht. Zusammen mit den Gerüchen, der Dunkelheit und dem Sternenhimmel gehören sie zum Erlebnis Nacht in PNG.
An unserem kleinen Dorfladen, der nicht mehr ist als eine Theke mit Regal dahinter, kehre ich um. Nicht ohne ein Packung 2-Minuten-Nudeln gekauft zu haben. Das wird mein Abendessen. 
buai ron!
Ein „ron“, von Englisch „run“ meint Fahrt, Rennen, Runde. Und darum geht es jetzt nach dem Tisa Bung, der Lehrerkonferenz. Vier Stunden saßen wir ohne Unterbrechung im Lehrerzimmer (Eingang dazu im Gebäude im Hintergrund). Verhandelt wurden: Prüfungen für die Aufnahme neuer Studenten, Finanzreport, Bibliothek, neuer Lehrplan, Gäste und Besucher im Herbst, die Auswahl von vier Personen für die Reise nach Castell im Jahr 2017 etc. Die Atmosphäre war, wie fast immer, freundschaftlich, entspannt, bisweilen ging es sehr humorvoll zu. Jeder darf ausreden, seine Ansicht einbringen und mit der Geduld der anderen rechnen.
Aber: Vier Stunden ohne Buai/Betelnusskauen und Brus/Tabak! Das ist für die meisten unserer Lehrer eine große Herausforderung. Umso schöner ist jetzt ein Buai Ron, eine Fahrt nach Godowa, wo sich ein kleiner Kiosk in der Nähe des Krankenhauses befindet. Dort gibt es eine gute Auswahl an Buai und Brus. Mein Beitrag als Treasurer/Schatzmeister dazu: Wanbel na Tok Orait, einverstanden und Ja dazu, aus dieser Fahrt (9km) eine Dienstfahrt zu machen, deren Kilometerkosten das Seminary trägt.

Hier ist Regenzeit. Bei Temperaturen um 26-28 Grad friert es viele. Da sind warme Kleidung und „hatim skin“, sich aufwärmen, wichtig. Auch diese Wirkung wird Buai und Brus nachgesagt. Bei mir tut´s jetzt zum Feierabend ein Stück Schokolade und ein Gläschen Merlot.
ohne Bilder
Von der Überfahrt von Lae nach Finschhafen hätte ich gern ein Bild gemacht, denn dann hätte ich das Handy benutzen können. Dies war aber nicht möglich. Der Wellengang und Dauerregen waren zu heftig. Unser Skipper war ausgezeichnet und brachte vier Kinder mit ihren drei Mamas und weitere elf Männer samt Gepäck sicher nach Finschhafen. Beten hilft. Kein Weg ohne die Bitte um Bewahrung und den Dank bei geglückter Ankunft. Die Fahrt geht immer nahe an der Küste entlang und das Wasser ist warm. Kentern ist dennoch gefährlich, da man z.B. vom Boot oder Gepäckteilen erschlagen werden kann. Ich bekam eine leise Ahnung von dem, wie es sein muss, als Flüchtling in einem seeuntauglichen Boot übers kalte Mittelmeer zu fahren.
Angekommen in Logaweng erwarteten uns einige Überraschungen: Der Traktor stand vor dem Tor zur Werkstatt. Man hatte versucht, einen Ölwechsel zu machen und mittels Schlauch das Öl aus dem Einfüllstutzen abzusaugen. Der Schlauch hatte unten ein kleines Metallventil. Beim Herausziehen blieb es im Motorraum zurück…
Warum Ölwechsel? Den hatten wir doch erst gemacht. „Da kam weißer Rauch aus dem Auspuff. Das Öl ist nicht mehr gut.“ Ein kurzer Check des Tanks mittels Nase: Statt Diesel war Benzin drin. Wie gut, dass dieser Schlauch sein Metallende verloren hatte. Wenigsten wagte deshalb keiner, den Motor neu zu starten. Quizfrage: Wieviel Schrauben hat die Ölwanne unseres New Holland Traktors? (14)
Lieber gleich noch den Laster überprüfen… Siehe da, auch dort ein Gemisch aus Diesel und Benzin im Tank. Jetzt sind eine Standpauke und Gardinenpredigt fällig, auch um ein bisschen Dampf abzulassen.
Postim!
Bilder auf facebook posten – wer noch ein Datenpaket auf seinem Mobail zur Verfügung hat, der macht´s, so selbstverständlich wie in den Garten gehen oder Holz hacken. In Logaweng bin ich vermutlich der einzige, der, obwohl er könnte, kein Facebook Account auf seinen Namen eröffnet hat.
In PNG wird jeder Pipifax auf facebook gepostet. Die entscheidenden Informationen suche ich allerdings vergebens. Z.B. dass unsere Schiffsverbindung nach Lae nicht mehr existiert. Davon, dass das Boot mit ca. 80 Passagieren an Bord Feuer fing und Leck schlug… nicht ein Wort auf facebook. Wie kann das sein? Sowas schreibt man nicht. Da funktioniert als Selbszensur der „Fremdschamfilter“. Irgendein Wantok/Verwandter/Bekannter ist sicher bei MorobeCoast Shipping Sevices beschäftigt. Und über den kann nichts Schlechtes verbreitet werden. Facebook in PNG: die perfekte Bühne zur Selbstinszenierung, ein tolle Flüstertüte zur Stimmungsmache und hilfreich bei der Kaschierung von Tatsachen.
„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ – „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Ludwig Wittgenstein) Solche Sätze haben in PNG keine Plausibilität. Die Welt is magic und ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Deshalb poste ich jetzt zwei Bilder;-)
Pastor Ann, unserer Biblithekarin und Englischlehrerin aus Amerika wird verabschiedet. Schnell das Handy draufhalten – auch auf die, die das Handy draufhalten! Und jetzt schnell gepostet. (Haben wir nicht ein tolles neues rotes Mikro?!)
St. Tremel
So heißt eine der ältesten Kirchen in PNG; benannt nach Karl Tremel, der 1886 zusammen mit Johann Flierl in der Finschhafen-Region die Missionsarbeit der Lutheraner begann. Die mehrfach erneuerte Kirche steht auf Tami Island. In Wewak gibt es übrigens eine St. Daniel-Kirche. Frage von mir:“Ist Daniel „a Saint“, ein Heiliger für Euch?“ Gemeindeglied: „Klar, wird er doch automatisch, sobald eine lutherische Kirche seinen Namen trägt.“
Die Gemeindeglieder feiern ihre Gottesdienste unter sorgfältiger Beachtung der im Lotu Buk abgedruckten Liturgie. Die Atmosphäre ist familiär, der Gesang beeindruckend. Nicht mit auf dem Bild: die feschen Burschen in den vorderen Reihen. Für wen haben sich die Mädchen wohl so herausgeputzt? Bestimmt nicht wegen mir.
Die Kirchenband des Senior Flierl Seminary´s hat mit Hilfe bayerischer Spender Instrumente anschaffen können. Demnächst kommt noch ein Schlagzeug dazu. Wenn es irgendwie geht – und es geht immer irgendwie – werden alle Lieder als Reggae oder Rührstück gespielt. Die Gemeinde reagiert enthusiastisch und hält bei jeder Lautstärke mit. Was einige der Musiker trotz wenig Übens drauf haben, erstaunt und freut mich immer wieder aufs Neue.




