Lae Maket
Samstag Vormittag auf dem Markt in Lae. Ich hasse es, Gertrud liebt es, um diese Zeit dort zu sein. Es gibt Gründe für beides. Das Angebot an Früchten, Obst und Federvieh ist überwältigend. Auch Kleider und schöne Bilum (Netztaschen) kann man kaufen. Ein Fest der Sinne.
Andererseits: Die Wahrscheinlichkeit eines abgeschraubten Rücklichtes oder geknackten Autos ist hoch. Taschendiebe lungern herum. Und es liegt immer ein Aufruhr in der Luft.
Kurz bevor ich das Bild mit den Kochbananen und Taro aufnahm, wurde eine junge einheimische Frau von einer aufgebrachten Menge vom Markt vertrieben. Grund: Sie trug eine zu kurze Hose und zeigte zuviel Bein. Über das Megaphon kam die Ansage: „Hier bei uns in PNG sind solch schändliche Unarten der Weißen nicht willkommen!“ Wobei Gertrud als einzige „weiße“ Europäerin auf dem Markt natürlich nicht gemeint war. Sie trug, ganz traditionell und kulturkonform, einen Rock weit übers Knie. Wir haben schöne Bilum gekauft und am Auto war auch noch alles dran und drin.
Wer „A“ sagt…
…sollte auch „A“ schreiben können.
Fünf Frauen unserer etwa 80 Studenten hatten bisher nicht die Chance dazu. Jetzt holen sie dies mit Eifer und Freude nach. Gertrud hat nach einem jüdischen Brauch Buchstaben gebacken und mit Honig bestrichen. Lesen und Schreiben lernen schmeckt gut! Im Gegenzug helfen die Frauen Gertrud dabei, ihr Tok Pisin zu verbessern. Nareng Gareng – Geben und Nehmen.
Finschaffen
Eigentlich heißt unser Gebiet ja „Finschhafen“. Aber die Schreibweise folgt allein dem Willen der Schreibenden und nicht irgendeinem amtlichen Regelwerk. Manchmal ist mit Finschhafen der größere Regierungsbezirk gemeint, manchmal der Zentralort Gagidu zusammen mit dem Krankenhaus und der Dregerhafen High School. Wikipedia: „Finschhafen liegt an der Salomonensee nordöstlich vom Huon-Golf in der Nähe des Ortes Sattelberg am Kap Kretin.“ Ca. 45.000 Menschen sollen hier leben. 18 Menschen auf einem Quadratkilometer. In Bayern sind es ca. 180.
Finschhafen ist nach Otto Finsch benannt, einem deutschen Forschungsreisenden. Ab 1885 entstand der Ort als Posten der Neuguinea-Kompanie. Johannes Flierl, von der Neuendettelsauer Missionsgesellschaft nach PNG gesandt, nahm bewusst Abstand von der Kolonialverwaltung und siedelte sich zunächst in Simbang an. Dort steht eine kleine Gedächtniskirche. Ggenüber dem Frachtanleger in Maneba ist aus der Kolonialzeit noch immer das Haus des Sitzes der lutherischen Missionsgesellschaft mehr schlecht als recht erhalten.

Englisch ist hier „Amtssprache“. Die meisten tun sich hart damit und bevorzugen Tok Pisin. Der Aushang meint: Kein Strom von 24h – 6h, zusätzlich zu den üblichen nicht angesagten täglichen Stromausfällen.

Das Braun Memorial Hospital in Finschhafen vom Flieger aus – ein(!) Dr.med. für 45.000 Einwohner. Das Senior Flierl Seminary liegt links oben knapp außerhalb des Bildausschnittes.
Auf Station sieht es so aus:

Küche? Bettzeug? Dafür hat jeder Kranke selbst zu sorgen. Die Verwandten lassen ihn damit nicht im Stich. Üblich ist, einfach am Arbeitsplatz und daheim alles stehen und liegen zu lassen, um einen kranken „wantok“ zu versorgen. Versorgungsteam:

Die kleine blaue Box ist ein Kerosin-Herd. Wer so etwas nicht hat, wie die meisten, benutzt Brennholz. Abends gleicht das Gelände des Krankenhauses mit seinen vielen Lagerfeuern einem sommerlichen Campingplatz.
Sweet Finsch
Fuji und Iko, ein japanisches Paar, das beim Lutheran Development Service hier ums Eck in Heldsbach arbeitet, hat die Sweet Finsch Cooperative gegründet.
Obwohl viel Kaffee und Kakao angebaut wird, weiß kaum jemand, wie man daraus ein fertiges Produkt herstellt. Stattdessen wird teurer Nescafé getrunken. Die Botschaft von Fuji und Iko ist einfach: „Gebt Euer Geld nicht Nestlé. Trinkt Euren eigenen Kaffee und Kakao.“ Mi laikim! Swit moa!
Das Logo stellt die Hände zweier Leute dar, die miteinander mit Daumen und Mittelfinger schnippen. Das ist hier inzwischen die klassische Begrüßung. Die Kunst ist, sich am Daunen des anderen abzustützen und dann mit dem eigenen und dem Mittelfinger des Gegenübers das Schnalzgeräusch hin zu bekommen. Tägliche Übung machts.
Trostlos
Tok Pisin hat kein Wort für „Trost“ oder „trösten“. Für den Vers aus Jesaja (66,13) „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ brauchts einen kleinen Umweg beim Übersetzen:
Bai mi lukautim yupela gut tru olsem mama i lukautim gut pikinini bilong en na i mekim
gutpela tok bilong mekim bel bilong pikinini bilong en i stap isi.
Pidgin gewinnt mit 29:9 Worten.
PNG-Taim
Zeitbedarf, um Martin zum Flughafen nach Lae zu bringen: Vier Tage. Dauert länger und ist für uns ungeduldige Deutsche anstrengender als eine Konfirmandenfreizeit. Am Flughafen Nadzab wurde unsere Geduld noch einmal auf die Probe gestellt. Der Flug nach Port Moresby verspätet sich. Flight tracker im Internet: Angaben N/A oder „departed“. Erstaunlich: Es kommt auch nach zwei Stunden Wartens keine Nervosität auf. Keiner geht zum Schalter und fragt nach. Nur einer der wenigen Australier läuft hektisch auf und ab mit Handy am Ohr. Irgendwie benimmt er sich peinlich. Nach lediglich drei Stunden Verspätung hebt die Maschine ab. Ob Martin wohl in POM seinen Anschlussflug nach Manila erreicht? Bai yumi lukluk.
Tami
Tami – eine kleine Inselgruppe etwa eine halbe Std. vom Festland entfernt. Dort sitze ich am Strand, während Gertrud, Martin und einige Weltwärtsfreiwillige schnorcheln. Internet 3G. Die Dorfkugend hört Wind of Change von den Scorpions auf ihren MP3-Boxen. Text können sie auswendig. Einige Mädchen hacken derweil das Holz zum Kochen. Da ich still sitze, bevölkert auch die hiesige Krabbenart wieder den Strand. Paradise.
Naispela bilum bilong yu!
„Du hast aber ein schönes Bilum!“ sagte ich gestern bei der Einschreibung zu David, einem neuen Studenten. Ups, grober Schnitzer! Der gute Mann nahm sich das wirklich außergwöhnlich schöne Bilum sofort von der Schulter und reichte es mir mit den Worten „Yu laikim, a?“. „Laikim“ in der Doppelbedeutung von: gefällt Dir und Du willst es haben.
Ich hatte große Mühe, ihm zu erklären, dass mein Gefallen nicht bedeutet, Anspruch auf sein Bilum zu erheben. David hingegen hatte Mühe, das Bilum behalten zu müssen und keinen Austausch von Geben und Nehmen mit mir anbahnen zu können. Nach etwa zwanzig Minuten Gepräch hatten wir beide einiges an Integrationsarbeit geleistet.
Besitzansprüche werden gern durch „laikim“ realisiert. Das ist weit weg von unserem Verständnis von privatem Eigentum als Rechtstitel. „Mi laikim poketnaif bilong yu…“ auf diese Weise wanderten schon einige meiner Opinel und Victorinox in andere Taschen. Umgekehrt wurde mir manch schönes Bilum umgehängt. In PNG habe ich gelernt: Du bekommst im Leben nichts geschenkt. Jede Gabe wartet auf eine Antwort. Die innere Buchhaltung eines Neuguineers ist äußerst präzise und exakt. Gebucht werden nicht Kina oder Dollar, sondern der Grad der gegenseitigen Verbindung/Beziehung/Abhängigkeit/Interaktion. Diese inneren Konten können über Jahre ohne Probleme im Defizit oder mit überschüssiger Bilanz geführt werden. Verzug und Bankrott gibt es allerdings auch. Manchmal endet die Insolvenz dann im Krankenhaus. Wenn das Geben und Nehmen als Misslungen erlebt wird, reagiert mancher mit Krankheit nach innen oder Aggression gegen den vermeintlichen Dieb, der einem nicht gegeben hat, was einem qua „ich will“ zusteht. Kompliziert? Ja.






