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Hiergeblieben! Nicht verzweifeln.

Hiergeblieben!

Wenn ich weiter unten im Text einige Emails der letzten Wochen zusammenfasse und zum Teil wörtlich wiedergebe, ergibt sich daraus ein trauriges Bild der Lage in PNG. Überseemitarbeiter erwägen dann manchmal ein Moratorium der Partnerschaftsarbeit: „Rückzug! Kein Geld, keine Leute, keine Unterstützung mehr für eine Kirche, die dabei ist, sich selbst zu demolieren.“ Einige Personen der Führungsebene der ELC-PNG würden dies (das Geld ausgenommen) sogar begrüßen. Ich bin mit so gut wie allen anderen hier allerdings einig: Hiergeblieben! und nicht aus der Verantwortung stehlen. Ein Rückzug bestraft die Falschen. Im Falle des Senior-Flierl-Seminary´s die Studenten und Lehrer, die fröhlich, unermüdlich und motiviert diese Institution zur Pfarrerausbildung betreiben. Die drei verbliebenen Übersee-Dozenten (USA, Philippinen, Deutschland) und die sieben einheimischen Lehrer halten in gemeinsamer Anstrengung den Betrieb am Laufen. Jeder bringt seinen speziellen Beitrag ein. Einige Beiträge aus Übersee: Organisation und Entwicklung des Lehrplans, Anschluss an den theologischen und pädagogischen Diskurs weltweit, Bibliothek, Finanzen. Auswahl Beitrag PNG: Organisation und Entwicklung des Seminars insgesamt, Reflexion der spezifisch melanesischen Theologie, Organisation des Lebens und der Versorgung auf dem Campus, Gottesdienste, Seelsorge. Partnerschaft heißt hier: Das Senior-Flierl-Seminary ist ein Gemeinschaftsprojekt und würde ohne den Beitrag des jeweils anderen keinen Bestand haben. Eine Ausbildungsstätte für angehende Pfarrer zu schwächen oder gar zu schließen, wäre aber angesichts der Lage im Land und in der Kirche dumm.
 

Nicht verzweifeln!  

Die Lage in PNG ist von massiven Spannungen und Grenzerfahrungen – Neusprech: „Herausforderungen“ – gezeichnet. Zwei Problembereiche tauchen in Variationen immer wieder in den Schlagzeilen der Zeitungen auf: Zum einen das Wiedererstarken lebensfeindlicher „black magic“-Traditionen. Wie eine tödliche Seuche breitet sich vor allem der projizierte Hexenwahn und Zauber-Verdacht aus. Dessen Folge ist oft Folter und brutale “pay-back”-Morde sowie entsprechende Rache-Kettenreaktionen. Zum Davonlaufen auch: Cargo-Kult, Renaissance von Ahnen- und Geisterfurcht, Ritual-Bandenbildung unter Jugendlichen. In den Städten wird das Auseinanderdriften in sehr Reiche und Chancenlose überdeutlich. Der öffentliche Sektor ist heruntergewirtschaftet, die Müttersterblichkeit eine der höchsten weltweit. Auf der anderen Seite der stacheldrahtbewehrten Mauern prosperiert der private Reichtum mit allen seinen Insignien vom Smartphone bis zur Luxusyacht.

Die geistigen, geistlichen und gesellschaftlichen Nöte bringen nicht wenige Menschen dazu, ihr Heil in Fundametalismen oder der vermeintlichen Rückkehr zur vorchristlichen Epoche zu suchen. Zum Straßenbild in Lae gehören durch Alkhol- und Drogenmissbrauch glasig dreinblickende, torkelnde junge Männer. Eine Unzahl mehr oder weniger neuer Missionen und Kirchen mit ihrem ewigen Bekehrungsdruck und faden Versprechungen stärkt weder die Glaubwürdigkeit des Christentums noch den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft. Langfristig werden diese Christentümer Enttäuschung und Abwendung vom christlichen Glauben provozieren. Auf den Plätzen und Märkten der Städte kreischen und plärren den ganzen Tag die Batterielautsprecher der einheimischen Weltuntergangsprediger. Deren Apocalypse-Now-Botschaft wird bereitwillig, teils ängstlich zustimmend, selten amüsiert, noch seltner ablehnend vom zahlreichen Volk gehört.

Anderswo tobte schon längst ein Bürgerkrieg. Die ethnische Vielfalt mit ihren 850 autonomen Ethnien sowie die mangelnde Logistik vereiteln dies. Wie gut, dass die Wut und Frustration weiter Bevölkerungsteile nicht zu organisierten Aufständen und Unruhen führen. Leider entwickeln sich auch keine landesweite Opposition und Alternative zum Kleinklein partikularer Interessen und einer korrupten Polit-Elite. Der täglich Frust und das Gefühl, um den Wohlstand betrogen zu werden und zu kurz zu kommen, entlädt sich dennoch: ein hohes Maß an körperlicher Gewalt wird überall ausgeübt – gegen Frauen, Kinder, Schwache, Außenseiter. Staatliche, verlässliche Ordnungskräfte versagen. Polizeiliche Gewalt? Gewalt ja, aber oft willkürlich und unkontrolliert. Das staatliche Gewaltmonopol ist in die Hände privater und zum Glück relativ zuverlässiger Sicherheitsdienste übergegangen. Diese beschäftigen als größte Arbeitgeber in PNG ein Heer von schlecht bezahlten Wachleuten. Auch Gerichte sind von der allgemeinen Korruptheit und Ineffizienz behördlicher Instanzen infiziert. Weithin setzt sich Traditionsrecht durch, d.h. die Macht der Stärkeren. Pay-Back (das hat nichts mit den in Deutschland so genannten Rabatt/“payback“-Karten zu tun) , Feme und Magie legitimieren das Vorgehen. 

 Angesichts dieser Nöte sollte man erwarten dürfen, dass die Lutherische Kirche in PNG Alternativen bietet. Dieser Traum wurde während der letzten Jahre manchmal in sein Gegenteil verkehrt: Die Kirchenleitung ist in sich zerstritten; der Bischof überschreitet laufend sein Mandat; er überlebt oder umgeht “irgendwie” Gerichtsverfahren; er prozessiert gegen seine eigene Kirche und hat mit anderen zusammen Millionen von Kina an Regierungsmitteln für ein Universitäts-Hirngespinnst verbraucht und verschwendet. Seit Jahren verschlimmert sich der De-facto-Bankrott der ELC-PNG. Hoffnungsvolle, fachgerechte Sanierungspläne und Menschen, die dafür einstehen, gibt es! Können sie sich durchsetzen? – so fragen sich viele. Manche fragen uns „Waitman“: Wollt Ihr jetzt auch weggehen? Dass wir bleiben, ist für viele ein Zeichen großer Hoffnung und Ermutigung. Wenige sind wir allemal. Nur eine Handvoll Überseemitarbeiter ist im Dienst der ELC-PNG. Unsere Verträge sind kurz. Die Arbeitsperioden aller drei Überseemitarbeiter am Senior-Flierl-Seminary enden 2016.

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